Aktuelles: Bericht Martinique-Rundfahrt (6.-16.7.2001)

 

6.7.2001: Reisetag nach Martinique
Leider geht bei diesen exotischen Etappenrennen immer mindestens ein Tag für die Reise drauf. Diesmal habe ich es mir so bequem wie möglich gemacht, einen billigen Flug nach Paris gebucht, woselbst ich mit den anderen deutschen Fahrern zusammengetroffen bin. Erst einmal aber war mein Rad verschwunden, als es endlich auftauchte, war es fast schon zu spät für den Anschlussflug nach Martinique, Mann - habe ich da geschwitzt!

Wie immer dieses Jahr hatte ich den Kontakt zur veranstaltenden Organisation angebahnt und dann Rennfahrer und Betreuer gesucht und gefunden. Um es gleich vorneweg zu sage: noch nie war die Zusammensetzung und das Zusammenspiel der Mannschaft so harmonisch gewesen, diese Rundfahrt hat echt Spaß gemacht! Die meisten Rennfahrer und die Betreuer waren vom Team Schindele Ravensburg, in dessen Trikot starteten wir auch, auf der Insel waren wir aber einfach "Allemagne", Krieg der Nationen muß natürlich sein.

Überwiegend waren wir Roller- und Sprintspezialisten, die meisten mit großer Bahnerfahrung, mit vielleicht einer Ausnahme:

Ralf Liehner, Patrik Billian, Torsten Kalbrunner, Felix Rohrbach, Christian Langhans und ich. Als Sportlicher Leiter fungierte Heiko Lindner und als Mechaniker Marcus Heibrock. Sie haben ihre Sache ausgezeichnet gemacht!

Durch das notwendig gewordene lange Verhandeln mit den Veranstaltern über die Bezahlung der Flüge bis auf den letzten Drücker (am Ende zahlten wir pro Person DM 450.- ab Paris) gab es keine früheren freien Flugplätze mehr, also auch keine Zeit zur Akklimatisation, wir kamen um 19 Uhr Ortszeit auf Martinique an, am nächsten Tag um 14 Uhr sollte der Start zur ersten Etappe sein! Ohne langes Warten wurden wir abgeholt und ins Hotel gebracht, in dem wir die ganze Zeit geblieben sind, recht nette kleine Bungalows aus Holz direkt am Meer. Von Tür zu Tür war ich mal wieder 16 h unterwegs gewesen.

Vom Verlassen des Flughafengebäudes bis zu dessen Wiederbetreten war der Aufenthalt in diesem Teil der Welt ein einziger Schwitzanfall, durchschnittlich 35°C am Tag (nachts noch 28°C!) bei fast unerträglichen 80-95% Luftfeuchtigkeit stellten eine Hauptschwierigkeit für uns alle dar.

 

7.7.2001: 1.Etappe
Vormittags hieß es erst einmal Räder zusammenbauen, alles Organisatorische erledigen (da waren wieder ich und meine Französischkenntnisse gefragt) und dann die dicken Flugbeine locker fahren. Oh je! Vom Hotel weg ging es kein Stück flach, meistens waren unsere Jetlag-gestressten Körper damit beschäftigt, mühsam 39:23 zu würgen. Nach 1 h, in der es genauso gut hätte regnen können (so naß waren wir), stellten wir unsere Bemühungen ein und waren ganz still geworden. Hitze, Luftfeuchtigkeit und Profil der (rauhen) Straßen auf der Insel sind ultrabrutal, das konnte Eiter werden.

Die Mahlzeiten am Buffet waren immer gut und reichlich, ansonsten deckten wir uns bald hektoliterweise mit stillem Mineralwasser ein. Gesoffen haben wir wie die Tiere und wahrscheinlich war das immer noch zuwenig!

Mittags ging es dann per Bustransfer in die Hauptstadt Fort-de-France, der Autoverkehr auf dieser Insel ist gewaltig, immer Dauerstau. Unsere Räder wurden tagtäglich auf einer Art speziellem Großanhänger (unser "Leiterwagen") transportiert, man gab sich Mühe, es waren auch pro Rad 2 Befestigungsriemen und eine Stellschiene am Boden vorhanden, dennoch wurden unsere Arbeitsgeräte z.T. arg verkratzt (wie immer auf diesen Rundfahrten!).

Dazu gibt es eine erst im nachhinein lustige Geschichte: jeden Tag war nach einem Transfer mein Lenkerband an irgendeiner Stelle zerrissen, aber immer nur meines, dafür aber mit schönster Regelmäßigkeit. Anfangs hat es Markus noch ausgetauscht, später haben wir es nur noch mehr geflickt und am Ende der Rundfahrt sah man eigentlich nur noch schwarzes Plastikband an meinem Lenker, sehr zum Amüsement der Mannschaft.

Die erste Etappe ging recht hektisch los, es war bedeckt und dadurch nicht so wahnsinnig heiß (nur 33°C), dafür aber unglaublich schwül. Eine Welle folgte der anderen und so blieb das jeden Tag, nur daß zu den Wellen immer mehr Berge dazugekommen sind. Heute waren es aber "nur" derer der Kategorie 3. Dazu kamen (auch täglich) unendlich viele Verkehrskreisel, wie in Frankreich üblich, alle sehr glatt und speckig, immer mit Splitt, irgendwelchen Randsteinen oder sonstigen Leckereien, man mußte schon sehr aufpassen. Zusammen mit den vielen Attacken ergab sich ein heiteres, unrhythmisches Kesseltreiben, in dem wir Deutschen munter mitvertreten waren, besonders Christian Langhans und ich waren mehrfach in der Anfangsphase unterwegs.

Gerade waren wir wieder eingefangen worden, da ging eine Gruppe, in der auch Patrik vertreten war. Wir stellten hinten soweit als möglich ab, Patrik gewann sämtliche Sprintwertungen und wurde  Zweiter, uns stellte es im Finale an den Bergen sämtlich etwas auf, bis auf Felix, der schon anfangs im allerungünstigsten Moment platt hatte (aber auch platt war) und dann meist alleine fahren mußte. Wir  gingen mit  4 bis 6min von der Bühne, Felix mit schon gut über einer halben Stunde! Von 102 Startern gaben 10 auf, herzlichen Glühstrumpf (dachten wir uns), viel härter braucht es nicht mehr werden. Aber es kam noch viel schlimmer!

 

8.7.2001: 2.Etappe und SIEG !!!!!!
Der französische Einfluß ist doch recht spürbar auf Martinique, alles ist ziemlich sauber und gepflegt, sowohl im Straßenbild, als auch im täglichen Leben, sprich in unserem Fall: das Hotel. Funktionierende sanitäre Anlagen, alles sauber und hygienisch, Toilettenpapier (vgl. Algerien!), etc.. Auch die Organisation klappte eigentlich wie am Schnürchen. Und in punkto Sicherheit im Rennen: Ein Gedicht! Alles rigoros abgesperrt, nie Gegenverkehr. Nur in ganz weit abgehängten Ortsgruppen hat man etwas den Fuß vom Gas nehmen müssen ..... Gegenverkehr bei dem steten kurvigen Bergauf-Bergab hätte mit Sicherheit zu Toten geführt, zumal unsere überwiegend farbigen Gegner meist sehr gut klettern, dafür aber nur katastrophal abfahren konnten. 

Heute gab es in der Hauptstadt auf einem 1,6km langen, buckligen und mit einigen etwas schwereren Kurven sowie Tausenden von Zuschauern ausgestatteten Rundkurs ein Mannschaftszeitfahren über 5 Runden (8km). Unsere Roller- und Kriterienfähigkeiten warfen wir voll in die Waagschale: mit Standardmaterial gewannen wir mit 15sek Vorsprung, die 9.50min bedeuteten einen 48,8 km/h-Schnitt!

Ich mußte danach zur Pippi-Kontrolle und im Gegensatz zu Patrik, der am gestrigen Tag völlig ausgedörrt 3 h und 15 Liter später seine 100ml Urin abgegeben hatte, gelang mir dieses schon nach einer Stunde und 5 Litern Wasser ( es ist aber auch immer wieder komisch, wenn Dir ein fremder Mann beim Urinieren auf den Schniedel schaut, da verschreckt es noch ganz andere!). Dafür mußte ich dann die ganze Nacht lang auf die Toilette laufen.

Stichwort: Die Nächte hatten einen einigermaßenen Erholungswert. Es blieb zwar heiß und schwül (28°C), dafür gab es auch eine funktionierende Klimaanlage. Lautmalerisch unterhalten wurde man sofort ab Sonnenuntergang von der tropischen Fauna, irgendwelchen monströsen Riesengrillen, etc., es war ein Höllenlärm, aber der Mensch gewöhnt sich an alles. Ich lag auf jeden Fall immer nackt auf dem Bett und schwitzte vor mich hin, Mücken gab es Gott sei Dank nicht so viele.

Meist konnten wir uns nach den Rennen (auch als Massageersatz) noch ins Meer stürzen, eine Erfrischung war das keine. Alles hatte die gleiche Temperatur, die Luft, das Meer, der Pool, nur die Dusche konnte man noch heißer drehen ...... Ich duschte auf jeden Fall schon nach dem Aufstehen und nach dem Frühstück noch einmal, usw..

 

9.7.2001: 3.Etappe
Heute hatte ich meinen besten Tag in dieser Rundfahrt. Fast wolkenlos war es unglaublich heiß, dafür aber auch nicht so feucht (80%). Nach 50km habe ich solo auf einer Autobahn attackiert und ein 2min-Loch auf eine illustre Spitzengruppe geschlossen. Dort angekommen, ging es mir erst einmal auch an den Bergen recht gut, obwohl dort nicht gleichmäßig gefahren, sondern immer wieder attackiert wurde. Mit Fortdauer des Rennens im Finale mußte ich aber für den großen Effort der Aufholjagd bezahlen, über den letzten Pass kam ich mit Ach und Krach, sprich ich war gezwungen in der Abfahrt eine Terz geschwinder zu fahren, bei der langen Bergankunft hat es mich aber klassisch aufgestellt und die Ersten des Hauptfeldes holten mich schon wieder ein. So verlor ich gut 4min und parkte auf Rang 39, das war ich auch im Gesamtklassement.

Unser Schnellstarter Billy the Kid (Patrik Bilian) verteidigte sein blaues Trikot souverän. Jeden Tag holte er am Anfang der Etappen trotz Vollgas die notwendigen Punkte, sehr beachtlich! Außerdem war er auch gesamt immer noch weit vorne. Die anderen fraßen heute noch ein paar bis viel mehr Minuten als ich, nur Christian Langhans - unser MTB´ler - mit seinem unauffälligen Fahrstil entwickelte sich zu unserem Mann für das Klassement und fuhr täglich stärker!

 

10.7.2001: 4.Etappe
Heute regnete es, immer wieder gab es tropische Schauer. Für die Einheimischen nach langer Trockenheit ein Segen, für uns bedeutete es glitschige Straßen, 100% Luftfeuchtigkeit und kaum Abkühlung, eigentlich war es wie in einer warmen Dusche. Die Rennschuhe, die in diesem Klima sowieso immer dauernaß waren, wurden täglich weiter, mein Zimmerkumpel Ralf hatte die seinen schon bis zum Anschlag zu, mehr durfte es nicht werden! Immer wenn es regnete, hatte ich in diesen Tagen mit der drückenden Schwüle weitaus mehr Probleme als mit der prallen Sonne, bei meinen Kameraden war es genau umgekehrt.

Zu Beginn gab es zwei leckere Anfangsrunden: Start war wie jeden Tag am Zielort der vorigen Etappe, also oben am Berg. Erst einmal erfolgte eine bedenkliche längere Abfahrt, nur schwer konnten wir einschätzen, wo die Rutschgrenze bei diesen Verhältnissen war, aber es ging alles gut. Dann ging es sofort lang bergauf in einem Höllentempo. Etwas angeschlagen von gestern mußte ich alles geben, aber wie überhaupt bei dieser Rundfahrt hatte ich eine gute Form am Berg, wahrscheinlich eine der besten in meiner Karriere. Auf jeden Fall war ich schon inmitten der ersten Steigung der schwergewichtigste Fahrer des Feldes, denn Felix (90kg) kam nach einer Anfangsattacke wie ein Stein durch das Feld gefallen und stieg später aus. Patrik war die Anfangsattacke mitgegangen, punktete kräftig und wurde im Ziel Vierter!

Die zweite Runde war immer noch sehr schnell, meine Beine waren zwischenzeitlich aufgegangen und so konnte ich den restlichen Tag gut durchstehen, gut klettern und sehr schnell abfahren. Trotzdem reicht es offensichtlich hier für mich nur maximal für die 2.Gruppe (und die fraß heute 10min), vorne wird schon sehr schnell gefahren, besonders bergauf! Jetzt bin ich Gesamt-37. und das Feld wird von Tag zu Tag übersichtlicher, nichts ist es mehr mit sacken lassen am Berg!

 

11.7.2001: 5.Etappe
Die Etappen sind nur kurz hier, um die 100km, die längste 125km. Aber eigentlich sollte der Umfang in Höhenmeter bemessen werden, das wäre wesentlich sinnvoller. Ich habe die ganze Rundfahrt lang hauptsächlich zwei Gänge benutzt: 39:23 oder 52:11. Ist vielleicht ein bißchen krass ausgedrückt, aber die Tendenz stimmt. 

Blauer Himmel, prügelheiß, bergauf stand die Luft wie immer, so daß man aus den Latschen zu kippen drohte, an jeder noch so kleinen Welle Massen von begeisterten Zuschauern, die einen ungefragt mit Wasser bespritzten und wie die Wilden mitten im Peloton (!) umherliefen, es war schon irgendwie faszinierend. Lange war ich heute vorne dabei und auch bei der Bergankunft war ich heute von uns Deutschen der Beste, selbst unser Dauerbrenner Christian hatte Probleme mit der Hitze. Aber wie gesagt, für ganz vorne reicht es einfach nicht, 8min Rückstand (24.Platz)  sprechen eine deutliche Sprache und die Verbesserung auf den Gesamt-34. ist auch nur eine Marginalie. Die schwülheiße Witterung ist auch für meine Sitzproblematik nicht das Wahre, täglich wird das wieder schlimmer und ich hoffe sehr, die Rundfahrt auch in dieser Hinsicht durchstehen zu können.

Billy punktete zu Anfang wie immer, am Ende hat ihn dann fast der Hitzschlag getroffen, zu allem Überfluss stürzte er dann noch auf einer Abfahrt, weil der Vorderreifen sein Leben aushauchte - Gott sei Dank glimpflich. Leider kann er jetzt gesamt keine Rolle mehr spielen, das blaue Trikot des besten Sprinters wächst ihm aber mit jedem Tag fester auf die Schultern!

 

12.7.2001: 6.Etappe
Und von nun an ging es bergab ........

Eigentlich war es mir völlig klar gewesen, daß ich die letzten Tage völlig über meine Verhältnisse gefahren bin. Jeden Tag habe ich in einer Superhitze meinen 84kg-Zeitfahrerkörper mit hoher Frequenz über die Berge, Wellen und Pässe gedreht und jetzt ging der Akku einfach langsam zu Ende. Man hofft ja immer als Rennfahrer, aber heute hatte mich die Realität wieder.

Sofort nach dem Start an der Bergankunft des Vortages ging es 7km einen Pass hoch und das mag ich ja gar nicht. Wir waren im Nordteil der Insel, dort regnet es praktisch immer, es war zwar ausnahmsweise trocken, die Luftfeuchtigkeit lag aber bei 95%, dazu ging es windstill, stickig und heiß durch eine Art Dschungel ...... es war einfach grauenhaft, ich bekam keine Luft, die Beine waren zu, sehr bald bin ich aufgeplatzt. 

Dann kam eine sehr lange Abfahrt bis hinunter zum Meer, obwohl es oben leicht zu regnen begonnen hatte, nahm ich etwas aus der Tüte "kalkuliertes Risiko an der Vernunftgrenze" und am Meer unten kam ich zurück in das Feld oder vielmehr was von ihm noch übrig war, denn es war ALLES zerlegt. So ergab sich bald ein Riesengrupetto, das sich dahinquälte, es ging nur bergauf und bergab und es wollte nicht enden! Ralf, Torsten und Billy waren bei mir, der ich nur noch kraftlos abkotzte, Christian war wieder vorne und fuhr ein tolles Rennen, war schließlich 15. in der Gesamtwertung und wie so oft in den letzten Tagen unter den ersten Zehn des Tages plaziert. Wir nahmen 25min auf den Sieger und waren auf das Äußerste bedient, ich stürzte auf den Gesamt-39. ab.

 

13.7.2001: 7a- und 7b-Etappe, 9.Platz im EZF
Morgens stolperte ich mehr tot als lebendig zum Frühstück, von Regeneration konnte keine Rede sein. Da halfen auch die guten tropischen Früchte - sozusagen frisch vom Baum - nichts mehr, ich war einfach kaputt. Dabei war dies heute noch einmal ein wichtiger Tag: ein schweres Straßenrennen am Vormittag, ein Zeitfahren am Nachmittag.

Anfangs ging es wie üblich sehr, sehr schwer bei mir, noch dazu begann es sehr bergig, aber wenigstens war es nicht die ultimative Sägerei. Trotzdem verlor ich fast an jedem Berg die Pantinen und kam auf jeder Abfahrt zurück. Später ging es dann besser, im Finale gab es jedoch einen langen Berg, über den ich mich im Mittelfeld drüberwürgte. Zum Ende hin haben wie üblich ein paar Irre dieses Feld attackiert (vorne waren gut 30 Mann), heute bin ich irgendwie darüber richtig böse geworden und bin mitgesprungen, dann aber demonstrativ nur draufgelegen, aber die sind über die Wellen richtig Anschlag gefahren! 6min Rückstand und der 36.Platz liefen bei mir unter Katastrophenbegrenzung, wenn ich den Zustand meiner Beine ins Kalkül ziehe ......

Am späten Nachmittag dann das Einzelzeitfahren. Insbesondere meine Mannschaftskameraden erwarteten nach meinem Ritt bei der 3.Etappe große Dinge von mir, ich aber wußte noch nicht, wie ich aus meinem müden Körper eine super Zeitfahrleistung herauspressen sollte. Noch dazu hatte ich keinerlei Material, keinen Anzug, Scheibe, Auflieger. Nur etwas leichtere Reifen, wie ich sie im Kriterium verwende und Spinaccis am Lenker. Nach der Besichtigung war mir vollends klar, daß ich hier nicht in die Spitze fahren würde. Vom Start weg ging es in fiesen kleinen Rampen bergauf, dann gab es eine kurvige Abfahrt und zum Schluß zog es sich mit langen Wellen bis ins Ziel am Meer, auf dem ganzen Kurs herrschte starker Gegenwind. 

Der Sieger schaffte knapp einen 39er-Schnitt auf den 11,2km, sagt eigentlich alles. Ich gab 100%, aber mehr als der 9.Platz war einfach nicht drin, ich mußte zufrieden sein und konnte jetzt sicher - ausgekotzt wie ich war - auf den restlichen zwei Schlußetappen mit einem Martyrium 1.Klasse rechnen. Christian und Billy fuhren auch recht passabel, die anderen beiden wurden schuldlos von der Polizei vom Kurs abgeleitet (!) und fuhren dann eben mal 18 statt 11km "schnell", normal wären sie aus dem Zeitlimit gefallen, aber wohl auch um unseren Protest vorzubeugen, gab es beim Zeitfahren kein Zeitlimit!

 

14.7.2001: 8.Etappe
Und wieder regnete es, teils in Strömen, teils normal, aber schön pisswarm, wie in einer großen Waschküche. Es war kaum zu glauben, aber die Streckenprofile wurden mit jedem Tag schwerer. Die Geschichte der heutigen Etappe ist aus meiner Sicht schnell erzählt. Ausscheidungsrennen vom Start weg, immer auf dem letzten Hemd dabei, das Feld immer kleiner, schließlich noch 30 Mann, 10km vor dem Ziel ein langer Berg, geplatzt, mit 3 Mann nach Hause gefahren, "nur" 3.45min Rückstand, 28.Platz, Verbesserung (ich muß schon fast lachen, es gibt Renner, die sind noch toter als ich) auf den Gesamt-33., im Ziel der Höhepunkt des Tages: eine eiskalte Cola!

Weil mich die ewigen Transfers, das Schwitzen im Bus, das lange Warten und die fortwährende Zerstörung meines Lenkerbands auf dem "Leiterwagen" nervten, bin ich nach dem Rennen noch mit dem Rad 1 h ins Hotel zurückgefahren und durfte dabei erfahren, daß Martinique nicht nur wegen des Klimas für ein Radtrainingslager ungeeignet ist: die Menschen hier, so nett sie auch in natura sind, im Auto werden sie zu Tieren und es ist z.T. ziemlich kritisch, hier Rad zu fahren.

 

15.7.2001: 9. und letzte Etappe
Sie war die längste und vom Profil her mit die schwerste der Rundfahrt, mit fünf Bergwertungen der hier üblichen höchsten Kategorie. Es war der heißeste Tag bisher und von Friedensetappe war nur 5km die Rede, dann wurde schon wieder munter attackiert, obwohl das Klassement mehr als gemacht war.

Es wiederholte sich das Szenario von gestern, nur daß die Berge heute wesentlich länger waren, die andauernden Wellen und kurzen steilen Stiche erwähne ich sowieso schon nicht mehr. Ich war total fertig und hatte mein letztes Hemd schon gestern verbraucht, aber irgendwie schaffte ich es immer wieder, dabeizubleiben, genauso wie Patrick "Billy the Kid", der seit zwei Tagen auch böse hing. Dreimal kam ich in den langen Abfahrten nach den passartigen Bergen in das schon recht kleine Feld zurück, beim vierten Mal habe ich es übertrieben.

Beim Blick in die Serpentinen unter mir sah ich, daß ich wieder recht gut näher kam, die Anleihen aus meiner früheren Karriere als alpiner Skirennfahrer mit Spezialgebiet Abfahrt schienen sich auszuzahlen. Ungeduldig und unvernünftigerweise legte ich noch ein Zähnchen zu und dann wurde es doch eine Terz zu geschwind. Ich kam aus dem Licht in den schattigen Urwald, schnitt eine Kurve rasant von außen nach innen und traf mit dem Vorderrad einen dieser in Frankreich üblichen "Geräuschwarner" (Plastikdeckel auf dem Mittelstreifen). 

Dabei versetzte es mich nur minimal nach außen, aber ich hatte keine Reserven mehr und mußte leider die Straße verlassen, will heißen ich rutschte in die Leitplanken. Viel ist nicht passiert, hatte Glück. Unterarm und Hüfte waren offen, die Hüfte im Bereich des Trochanter hatte ich mir allerdings böse geprellt und ich konnte die erste halbe Stunde zeitweise nicht treten. Der rechte Schuh war kaputt, am Rad war fast nichts, ich konnte gleich weiterfahren.

Ich konnte momentan nur rollen lassen und ließ mich von der nächsten Gruppe einholen, in der auch Patrick und Torsten fuhren, die mich Gott sei Dank besonders am Anfang gut aus dem Wind nahmen. Vom Auto aus goss mir Markus das Blut mit Wasser ab ......... Hölle, Hölle, Hölle, dann gab es noch was zu trinken für uns drei und schon düste unser Auto nach vorne, denn Christian (wie üblich), aber auch Ralf waren vorne dabei.

Im Fall von Ralf ist aus sportwissenschaftlicher Sicht interessant zu erwähnen, daß er sich am Abend (und die Nacht) vorher wohl aus Frust mehr als ein Bier gegeben hatte (er hat zumindest noch unser Appartement gefunden, das war aber auch alles, hihihi), dafür lief es am heutigen Tage einfach sensationell bei ihm! 11.Platz auf so einer schweren Etappe als ehemaliger reiner Bahnfahrer, alle Achtung, das hatte Klasse!

Christian war noch eine Gruppe vor ihm und hatte sich tatsächlich noch auf den Gesamt-14. verbessern können, das blaue Sprinttrikot hatten wir schon gestern sicher gehabt. Ich war auf den Gesamt-36. abgerutscht, war aber schon total egal und die 18min von heute, die wir auf den restlichen 60km noch kassiert hatten, waren leichter zu ertragen als meine Sturzverletzungen. Nur 61 Fahrer von ehemals 102 Startern standen diese Rundfahrt durch.

Und weil ich wußte, daß es unmöglich sein würde, die nächsten Tage zu trainieren, bestrafte ich mich für meinen Übermut in der bewussten Abfahrt mit einer einstündigen Heimfahrt zum Hotel per Rad. 870 Rennkilometer hatten wir absolviert, aber die Tour kam mir viel, viel länger vor, die täglichen Klettereskapaden wollten einfach kein Ende nehmen.

 

16.7.2001: Siegerehrung und "holiday"
Die anderen fuhren heute an einen etwas weiter weg gelegenen Strand, der als der schönste auf Martinique gilt. Ich blieb im Hotel, denn es ging mir nicht besonders, überall geprellt, die Schürfwunden natürlich naß und durch die feuchte Luft fühlte ich mich wie ein Verwesender, noch dazu wollten Tausende von Insekten ihre Eier in meine offenen Stellen ablegen. Überdies hatte ich mir auch noch den Kopf an der Leitplanke angeschlagen und so irrte ich mit Brummschädel umher, badete zwecks Desinfektion auch mehrmals im Meer (aua, aua), ansonsten lag ich aber mehr auf meinem Bett und "leckte meine Wunden". Nix Holiday für mich.

Abends gab es dann in der Anlage am Pool eine stimmungsvolle Siegerehrung mit vielen Pokalen und anschließend eine große Party, aber irgendwie konnte ich nicht richtig mitmachen und ging relativ bald in den Bungalow zurück. Die anderen gaben sich dagegen offensichtlich voll das Brett, der Mantel des Schweigens sei an dieser Stelle über die Geschehnisse gebreitet ......